Jens Hausmann

*1964, lebt und arbeitet in Berlin
www.jenshausmann.eu

Jens Hausmann, modern house 5 - 120cm x 220cm - oil:canvas - 2010

modern house 5, 120 x 220 cm, Oil on canvas, 2010 (c) Jens Hausmann

Deine Arbeiten zeigen Architekturen, Architekturmotive, urbane Szenen – was interessiert dich daran? Wie kam es zur Beschäftigung mit diesen Themen?

Ich mag es, ganz im romantischen Sinne, mich in Landschaften zu bewegen, den Raum und die Stimmung aufzunehmen. Vom Prenzlauer Berg in Berlin, wo ich wohne, sind es mit der S-Bahn 15 Minuten von völlig urbaner Umgebung in einen ländlichen Raum mit architektonischen Vorstadt-Situationen. Diese S-Bahnfahrten erscheinen mir immer wie ein zugespitzter, irgendwie skurriler, aber auch dramatischer und realistischer Film.

Die Berliner Vorstadt, mit ihren dichtgedrängten, aneinandergereihten Giebelhäusern, in einer in Zwielicht getauchten Landschaft, waren die ersten Motive für Bildserien, in denen Architektur eine Rolle spielte. Später wollte ich modernere Gebäude, weil mir die Giebelhäuser auf Dauer zu kauzig waren.

Warum dieser Fokus auf modernistische Architektur?

Auf die Architektur der Moderne, mit dem Ansatz aus der klassischen Moderne, bin ich bei regelmäßigen Aufenthalten in Brasilien gestoßen, wo ich aus familiären Gründen häufiger und manchmal auch für längere Zeit bin. Dort erlebe ich die gegenwärtige wie die historische Moderne in einem anderen gesellschaftlichen und geografischen Kontext. In Südamerika wurde und wird viel offensiver, auch chaotischer, geplant und gebaut.

Brasilien ist eines der dominanten Schwellenländer, in denen man eine Beschleunigung der gesellschaftlichen Entwicklungen erlebt. Vorstädte einer neuen Mittelschicht dehnen sich netzartig, in unglaublicher Geschwindigkeit, über riesige Territorien aus. Sie sind soweit von den historischen Stadtzentren entfernt, dass Shoppingcenter die neuen Zentren bilden – als die neuen Kathedralen. In dieser Atmosphäre habe ich einen anderen Blick auf die Dynamiken der westlichen Kultur unserer Gegenwart gewonnen. Ein Blick, der mit einem gewissen Pathos auf unsere Zeit und unsere Geschichte angereichert ist.

Modernistische Architektenhäuser waren Statement für eine komplexe, utopische Lebenshaltung, die den neuen Menschen, die neue Gesellschaft formalisieren wollte. Nun sind diese Häuser mutiert, zu Traumgebilden von Erfolg und Luxus der Aufsteiger aus der Mittelschicht. Tausendfach reproduziert bilden sie, in Film und Fernsehen, die Kulissen der Dramen der Schönen und Reichen.

Bilder dieser Häuser zu malen, hat für mich auch damit zu tun, das „schöne“ Bild zu erarbeiten, die in der Kunst substanziellen Frage nach dem „Was ist Schönheit?“ zu erforschen. Wichtig ist mir, dass in den Bildern etwas Geheimnisvolles, eine bestimmte Spannung entsteht.

Du erwähnst das Wechselspiel von Architektur und Natur. Die Natur spielt in deinen Bildern eine große Rolle, die modernen Gebäude werden umgeben von oft überbordenden Pflanzen. Dazu kommen auch Gemälde, die nur Waldszenen zeigen. Warum dieser Gegenüberstellung?

Die kleinformatigen Waldbilder waren als Kontrapunkt zu den Architekturbildern gedacht. Die Motive entstammen Pressefotos von zerstörten Wäldern, durch Naturkatastrophen oder technische Unfällen, oder sie sind Orte von Kriegsverbrechen und anderer menschlicher Dramen. Also in irgendeiner Form kontaminierte Idyllen. Das passt zu meinem Grundthema des subtilen Wechselspiels von Romantik und klassischer Moderne als gewissermaßen postmoderne Erzählung.

Welche Bedeutung hat Architektur, der gestaltete Raum für uns? Warum ist die Beschäftigung damit wichtig?

Die Bedeutung, die Architektur für unsere Gesellschaft hat, ist wegen ihres praktischen Nutzens sehr brisant, während Kunst, Musik und die Geisteswissenschaften nicht direkt abzugleichen sind in ihrer Nützlichkeit. All die Gedanken und Visionen, die aus künstlerischer Arbeit und methodischem Denken erwachsen, sind auch in Architektur verwandelbar.

Also ist Architektur im Grunde die Kunstform, die das Wesen dessen, was wir denken und spielend untersuchen, auch als Programm und Ideologie für wichtig halten, in einer komplexen Weise um uns her aufrichtet und zu der Umgebung macht, in der wir leben.

Wir verwandeln die Welt in einen Spiegel unseres Wesens.

Das bedeutet, wenn Architektur zu hübsch und harmonisch wird, ist das oft keine Vision, sondern eine Lüge …

Wie findest du deine Motive? Sind reale Bauten Vorbild oder „konstruierst“ du diese auf der Leinwand?

In der Regel sind reale Bauten Vorbild. Diese werden fotografiert und am Computer so bearbeitet, dass sie als gemaltes Motiv die nötigen Proportionen und Effekte bekommen, um den Bildern die Spannung zu geben, die mir notwendig erscheint. Gerne zeichne und aquarelliere ich die fotografierten Motive, bevor ich sie male, weil ich mich damit besser von der Ästhetik des Fotos lösen kann. Ich zitiere die Fotografie nicht in meiner Malerei. Ich konstruiere die Bauten auf meinen Bildern also nicht, sondern verzerre sie – zugunsten eines dramatischeren und cineastischeren Ausdrucks.

Natürlich sind auch viele der Bauten nicht selbst fotografiert, sondern einfach aus dem Internet gefischt.

Wie ist dein Arbeitsprozess?

Wie gesagt zeichne und aquarelliere ich. Es gibt auch Phasen, in denen ich Kollagen mache. Also alles ganz klassische Medien, die der Malerei als Vorbereitung vorangehen.

Zum Arbeitsprozess kann ich nicht viel sagen. Ich mache meist ohne Projektor eine Vorzeichnung mit Lineal und Bleistift, dann wird alles ausgemalt. Ohne Projektor entstehen häufig kleine Fehler in der Perspektive, die ich schätze, weil das Bild dann irgendwie besser aussieht. Oft muss ich mehrere Farbschichten übereinander setzen, bis das Bild in seiner Stofflichkeit und in seinem Farbklang mir gefällt.

Welche Ziele verfolgst du mit deinen Arbeiten?

Verfolgt man Ziele mit seinen Bildern – oder überhaupt in der Kunst? Wenn, dann habe ich nur „Kurzzeitziele“. Aber ich könnte darüber reden, welche Ziele ich in meinen Arbeiten verfolge …

Es ist dieser Widerspruch von moderner Utopie und ihrer gescheiterten Realisierung, der mich interessiert. Etwas völlig Sichtbares darzustellen und dieses in ein unsichtbares Geheimnis zu tauchen. Die architektonische Moderne in einen romantischen, metaphysischen Raum-Zeit-Kontext zu tauchen, in einer subtilen Darstellung des Vergehens und Verschwindens und der Verwandlung der Dinge (auch der Ideen), dies ist wohl das Ziel in jedem einzelnen Bild.

Auszüge aus einem Interview mit deconarch.com – lesen Sie das vollständige Interview!

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