Jutta Steudle

*1972, lebt und arbeitet in Mannheim
www.juttasteudle.de

zwischenzeitlich vollkommen, 2011, Papier, Farbe, Plexiglas, Holz, 90 x 130 x 53 cm

zwischenzeitlich vollkommen, 2011, Papier, Farbe, Plexiglas, Holz, 90 x 130 x 53 cm (c) Jutta Steudle

Für die Arbeit Durch den Eingang raus hast du Objekte entwickelt und dich mit dem Thema „Wohnen“, dem „sich heimisch fühlen“ auseinandergesetzt …

Wie oft in meiner Arbeit steht auch in dieser Arbeit das Empfinden im Vordergrund. Was bedeutet „sich heimisch fühlen“, „sich wohl fühlen“? Wo ist man zu Hause und mit welchen Gefühlen ist das verbunden?
In einer Nische stehen Papierarbeiten auf dem Boden. Dieses Gebilde könnte als Synonym für Wohnraum stehen. Es sind keine klaren, sondern Formen, die viel Raum für Gedankenspiele lassen. Sie sind teilweise durchbrochen, haben Knickungen und Risse, nehmen Bezug aufeinander. Durch den Farbton – ein angenehmes, aber kühles Blau – haben diese Form eine ganz besondere Ausstrahlung. Die Raumnische wird beherrscht von Form und Farbe.
Das Blau regt unterschiedliche Assoziationen an, es weckt verschiedene Impulse: Es ist ein klares Blau, hat etwas Wolkiges, Kuscheliges, direkt zum Hineintauchen. Es ist aber auch ein kühles Blau und kann in Verbindung mit den Rissen und Kanten gänzlich andere Gefühle hervorrufen.

Du arbeitest installativ im Raum und verwendest dabei Materialien wie Papier oder Kunststoff, deren Charakter eigentlich zweidimensional ist. Wie kann dieses „flache“ Material räumlich-skulptural werden?

Meine Arbeiten bewegen sich vor allem im dreidimensionalen Bereich, auch wenn dies den Arbeiten nicht immer gleich zuzuordnen ist. Oft entstehen Anordnungen aus mehreren Elementen, die zu sich und zum Raum in Beziehung stehen. Es entstehen Wechselwirkungen. Schließlich befindet sich auch unsere Realität im dreidimensionalen Bereich. Ich begreife mich nur in Beziehung zu mir und zum Raum. Die Faltungen der Papierarbeiten etwa machen aus zweidimensionalem Papier ein dreidimensionales Gebilde. Selbst eine minimale Wölbung nimmt Bezug zum Raum.

Welche Rolle spielt dabei der Raum, die Auseinandersetzung mit dem Raum?

Der Raum spielt eine wichtige Rolle, denn nur im Raum kann etwas entstehen. Zwar reagiere ich nicht direkt auf den umgebenden Raum, dennoch nimmt meine Arbeit stets Bezug zu ihm auf. Zum Beispiel die Arbeit zwischenzeitlich vollkommen, die aus zwei Elementen besteht, die auf einem Podest angeordnet sind: Zwischen den beiden Elementen entsteht etwas. Dieses Etwas kann durch den Raum dazwischen entstehen, durch den Abstand, die Leere, also den Raum.

Wie ist dein Arbeitsprozess?

Der Arbeitsprozess ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit und fließt als solcher oft
in die Arbeit mit ein. Bei den Papierarbeiten bestimme ich schon im Voraus Größe des Papiers, Farbton und Art des Eingriffs – Knicken, Knüllen, Falten, sanfter oder starker Eingriff in das Material. Ich lege fest, wie die Arbeit aussehen, welchen „Charakter“ sie haben soll.
Nachdem Art und Größe des Papiers entschieden sind, wird es mit relativ wässriger Farbe bestrichen, um es bei einem bestimmten Trocknungsgrad zu bearbeiten. Durch die Farbe bleibt das Papier in seiner gewünschten Form. Dies ist ein Prozess, der bewusst vollzogen wird. Immer bleibt jedoch ein Teil offen, ist Zufall, denn Faltungen können nur bis zu einem gewissen Grad beeinflusst werden. Das Papier wird solange bearbeitet, bis es den optimalen Zustand erreicht.
Manchmal werden auch Folienstücke mit eingearbeitet, die zuvor als Untergrund dienten. An den Folien sind Farbreste zu sehen, die während des Bestreichens der Papiere entstanden sind. Der Arbeitsprozess taucht somit als Teil der Arbeit wieder auf.

Welche Ziele verfolgst du mit deiner Arbeit?

Es geht um das Ausloten des jeweiligen Materials. Wie strapazierfähig ist zum Bespiel Papier? Wie wirkt es in verschiedenen Zustandsformen? Wird das Papier mit einem bestimmten Farbton bestrichen, inwieweit ändert sich die Wirkung?
Es geht nicht vorrangig um das Papier als Material, sondern um die charakteristischen Eigenschaften, die Papier aufweist: Papier ist auf der einen Seite ein sehr dünnes, leicht zerreißbares Material, auf der anderen Seite ist es stark beanspruchbar.
In meinen Arbeiten versuche ich, diese verschiedenen Materialitäten zu ergründen. Das Knittern bzw. Knüllen etwa ist ein dem Papier nicht gerechter Vorgang. Wie verhält sich Papier in den verschiedensten Verformungen? In wie weit sind Faltungen haltbar? Wie verträgt das jeweilige Material den Eingriff und wie wirkt dies auf den Betrachter?

Die Farbe hingegen war zunächst vorrangig Mittel zum Zweck, sie diente als Hilfsmittel, um das Papier bearbeiten zu können. Durch das Verwenden von verschiedenen Farbnuancen entstehen unterschiedliche Wirkungen. Dadurch werden verschiedene Gefühlsregungen angestoßen. Ob man will oder nicht, beginnt die Farbe, die Art des Farbauftrages Einfluss auf die Form zu nehmen. Dies beziehe ich immer bewusster in meine Arbeit mit ein.

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