Tobias Kraft

*1972, lebt und arbeitet in Karlsruhe
www.von-kraft.org

(c) Tobias Kraft

(c) Tobias Kraft

Die Auseinandersetzung mit Raum, mit Räumlichkeit ist zentral für deine Arbeit. Warum die Beschäftigung mit Raum?

Zunächst ganz grundsätzlich: weil wir alle ja Raum sind. Jede/r beschäftigt sich existenziell per se mit Raum, wir können gar nicht anders. Zu denken, dass Umgang mit Raum die Sache von Spezialisten sei, ist eines unserer größten Versäumnisse. Vielleicht sollte uns das nur viel öfter (ständig!) und feiner bewusst sein: Gezeugt und geboren werden, wachsen, atmen, essen, bewegen, denken, sprechen, bauen, wohnen, zerstören, sehen, schlafen, träumen, sterben, töten und alles mehr ist Raum und ist im Raum – Existenz ist ständige Transformation von Raum.

Die Lust am Raum ist also eine lebendige und meditative… Raum ist Intensität – ob er nun (künstlerisch) gestaltet und komponiert ist oder auch nicht.

Um eine kurze Antwort zu geben: Wie könnte man sich nicht mit Raum beschäftigen? – eine unbeantwortbare Frage.

Du hast zunächst Kunst studiert und danach Szenografie. Wie kam es zu dieser besonderen Aufmerksamkeit an der Raumgestaltung?

Wir ereignen uns im Raum. Frühe Erlebisse, vielleicht der Verlust einer wichtigen Bezugsperson oder eines Lebensumfeldes (Wohnraums) sensibilisieren für das „Organismus-Umwelt-Feld“ (ein auch in der Gestalttherapie verwendeter Begriff, aber voll zutreffend…) – nach der Beschäftigung mit Geborgenheit (Wohnraum) kamen Natur, Architektur und der alles durchdringende szenische Raum hinzu, und damit meine ich auch den „stillen sozialen Raum“, nicht nur das bewusst in Szene Gesetzte. Nach dem Kunststudium studierte ich Szenografie – der rauschhafte Raum des Bühnenbildes für/mit Musik und Sprache hatte mich gefesselt. Vor allem die Oper zog mich damals stark an. Doch dann merkte ich, dass mein praktisches Tun mehr zu einem Szenen-Lesen wurde als ein „Szeno-gráfein“ …

Die Architektur „stellt” die Grundbedingungen unserer Lebens- und Handlungswelt an die Stellen und Orte. Die Szenografie folgt ihr unmittelbar, machmal geht sie auch voraus. Bei ihr geht es um ein Bedingungen-Schaffen für Bilder, in meinem Verständnis. Während meines Studiums an der Bauhaus-Uni in Weimar stellte ich fest: Kunst ist immer ein „Bühnenbild” – für den betrachtenden wandernden Blick, den sich durch-denkenden Geist, die in Resonanz tretende Seele. Bilder (gezeichnete, gemalte, gebaute, geschriebene, …) sind Bühnen.

Also weniger ein „Szenen-Schreiben“, sondern ein „Szenen-Lesen“. Was bedeutet das für deinen Arbeitsprozess?

Das Handeln ist ein kontemplativer, nachspürender Vollzug. Ich umkreise in vielen inneren Bildern ein Thema, einen Ort, einen Raum und halte mit unterschiedlichsten Mitteln Ideen und Gedanken fest. Schriftlich, durch Zeichnung, Performance, Dia, Foto, Modell, Fundstück, Konzept… Wie ich schon sagte, Räume enthalten jenseits des konkret Auffindbaren die Energien und Existenzspuren von allem dort früher Gewesenen – im Raum entbirgt sich die Zeit, entbergen sich die Zeiten – unter bestimmten Bedingungen ganz bewusst und klar, aber auch unbewusst, aber deswegen keineswegs weniger machtvoll.

Aus dem einen ergibt sich dann ein nächstes und so fort. Oftmals taucht dieses Material (Fotos, Zeichnungen, Performancerelikte,…) viel später in anderen Konstellationen wieder auf. Es gibt also in dem Sinne keine „Werke“, nur sich in Konstellationen ereignende Zusammenkünfte von Elementen. Für die Ausstellungen in Böblingen habe ich z. B. Fotos aus meinem Archiv „wiederentdeckt”, die noch nie gezeigt wurden, schon vor langer Zeit entstanden, sich aber wie von selbst in diese aktuelle Arbeit einfinden.

Wie fügt sch die Arbeit in Böblingen zusammen?

Die Vorbereitungen für meinen Böblinger Beitrag begannen mit dem „Nirgends-Wohnen” aus dem Zen. Mir war schnell klar, daß mich die vielen kleinen Zwischenstationen unseres Wohnens interessieren: der Blick zu den Nachbarn, in die Nachbargärten. Das Tragen eines Bartes, ein echter eigener und ein unechter, gebastelter aus dem Fundus meines Großvaters, der Architekt war. Abgetragene zerschlissene Leibwäsche. Bäume, Pflanzen als Wohnorte von Geistern oder Tore in andere Welten. Sperrmüllrelikte. Familienfotos, die das Wohnen im Herkommen zeigen. Daraus entsteht im gegenseitigen Hin- und Her-Bewegen das „Bühnenbild”, wenn man so will, das die BetrachterInnen dann besuchen können. Eine Zusammenkunft von Einzelstücken, die erst vor Ort in Böblingen ihr genaues Zueinander finden werden – und das ist wichtig: sie finden in einer bestimmten präzisen räumlichen Anordnung zusammen, die aber nicht unumstößlich ist.

Wieso Kunst? Welche Möglichkeiten bietet dir die künstlerische Arbeit?

Mir erscheint „meine“ Kunst meist nicht so kunstvoll, aber an der konkreten Stelle, dem konkreten Ort (für mich) notwendig. Etwas zeigt sich zu einer bestimmten Zeit an bestimmtem Ort, phänomenologisch. Das künstlerische Tun ist für mich gleichbedeutend mit einem Ganz-Machen. Das freie Spiel künstlerischen Tuns ist eine Grunddisposition der Menschen, im Grunde philosophisch tägliches Brot… Ich möchte hier nicht diese Diskussion „ist Kunst Therapie?“ entfesseln, aber aus einer bestimmten Warte, oder besser: Haltung, ist sie das zweifelsfrei. Kunst ist heilsam und heilt und zwar für alle Seiten, die Produzierenden und die EmpfängerInnen – nicht in einem zu kurz gefassten Sinne von Therapie: dann ist alles gut – nein! Aber in dem, dass etwas Größeres in den Blick gerät, oder zumindest die Ahnung davon… Dann ist das, was z.B. keineswegs gut ist ganz herein genommen, wo wir wieder beim „Gleichmut für den Raum“ wären.

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